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Wo Bullerbü wirklich liegt

Die Berliner Morgenpost über den Waldkindergarten:

"Manchmal riecht die Welt nach feuchter Erde. Nach frisch geschnittenen Birkenzweigen, nach Pilzen und Tautropfen auf Moos. Manchmal. Und wenn man das Glück hat, mit Anne Makowsky und Maren Oster vom Berliner "Waldkindergarten am Löwen" durch das Gehölz zu ziehen.

Rund 15 Kinder zwischen zweieinhalb und sechs Jahren stapfen mit ihnen durch das trockene Laub. Sie scheinen nicht wirklich ein Ziel zu haben. Immer wieder bleiben sie stehen, betasten die Knospen, die sich in diesem Jahr viel zu früh an den Zweigen bilden. Anne Makowsky und Maren Oster kennen keine Eile. In den Zweigen zwitschern Meisen, ab und zu krächzt ein Eichelhäher. "Manchmal begleitet uns ein Fuchs", erzählt Anne Makowsky, und Maren Oster berichtet von den Wildschweinen, die ihnen auf ihrem täglichen Weg durch den Wald immer wieder begegnen.

Die beiden Pädagoginnen haben den Kindergarten im vergangenen Sommer als Verein gegründet. Mehr als drei Stunden täglich verbringen sie seitdem mit den Kindern im Wald, frühstücken dort, spielen und basteln. Bei Frost und Schnee, bei Sonne und Nieselregen. Aber natürlich nicht bei jedem Wetter. Schließlich ist auch ein Waldkindergarten ein Kindergarten und kein Dschungelcamp. Wenn es zu kalt ist oder zu nass oder wenn es gewittert, dann bleiben sie in ihrem Haus auf dem Gelände der ehemaligen Klinik Heckeshorn, mitten im Wald, ganz nah am Wannseestrand.

Hier riecht die Welt nach Bullerbü, dem Synonym für eine unbeschwerte, freie Kindheit in der Natur. Und das ist merkwürdig. Denn Berlin liegt eigentlich weit jenseits von Bullerbü. Nicht nur deshalb, weil es in der Hauptstadt nach Autoabgasen, Hunden und Currywurst mieft, sondern auch, weil die Kleinen ihren Entdeckerdrang bestenfalls auf einem von zahllosen Eltern bewachten Abenteuerspielplätzen ausleben können. Berliner Kinder ziehen normalerweise nicht wie Lasse, Bosse und Lisa aus Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker allein im Bollerwagen auf blumenübersäte Wiesen, sie basteln keine Borkenboote, die sie auf Bächen schwimmen lassen, fallen nicht ins Wasser und legen sich auch nicht mit wilden Schafsböcken an. Die Kinder von Berlin gehen zum kreativen Tanz - möglichst dreisprachig - und trainieren beim Babyschwimmen für die Goldmedaille bei den Weltmeisterschaften 2025.

Eltern sind ehrgeizig. Und niemand kann es ihnen verübeln, dass sie ihren Nachwuchs so gut wie möglich auf die Zukunft in einer immer unübersichtlicher werdenden globalisierten Welt vorbereiten wollen. Die Befürworter der in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Dänemark entstandenen Waldkindergarten-Bewegung empfehlen indes gerade zu diesem Zweck: Weniger ist mehr. Kinder brauchen Freiräume, um ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Und dafür eignet sich nichts besser als die freie Natur.

Die Kinder im Waldkindergarten erfahren schon mit dreieinhalb Jahren, dass es nichts Besseres gegen kalte Füße gibt, als sieben Mal über einen umgekippten Baum zu hüpfen. Denn dabei trainieren sie nicht nur ihre motorischen Fähigkeiten, sondern begreifen auch, dass es für alles eine Lösung gibt. Diese Erkenntnis gibt den kleinen Menschen ebensoviel Sicherheit und Selbstvertrauen wie die Fähigkeit, aus Zweigen einen Unterschlupf zu bauen oder mit selbstgebauten Angelruten Fische zu fangen. Hier gibt es keinen Plastikbauernhof von Playmobil. Aber wer lernt, in Tannenzapfen die schönsten Spielsachen der Welt zu entdecken, verfügt über den größten Schatz einer glücklichen Kindheit: Fantasie.

Dennoch zögern viele Eltern, ihren Nachwuchs in den Wald zu schicken. Hier würden die Kinder bestenfalls auf die Baumschule, nicht aber auf die Härten des Lernens vorbereitet. Die Praxis widerspricht diesen Vorbehalten. Tatsächlich, so Experten, wären die Wichtel aus dem Walde keine schlechteren Erstklässler als jene Mädchen und Jungen, die im Kindergarten schon gelernt haben, Computer zu programmieren. Schließlich wäre gerade der weit verbreitete Mangel an Bewegung eine Ursache für die zunehmende Schreib- und Rechenschwäche. Die Sprachentwicklung, so Maren Oster und Anne Makowsky, ist bei den Waldkindern überdurchschnittlich gut entwickelt. Kein Wunder. Kinder, die nur mit Dingen aus der Natur spielen, müssen sich immer erst mal lange darüber unterhalten, warum ein Baumstumpf, der gestern noch ein Kutschbock war, heute ein Autositz ist."

© Berliner Morgenpost 2008


Mit Feuerkäfern statt mit Autos spielen

Die Tagesspiegel über den Waldkindergarten:

"Konstantin ist Pirat. Da gehört das Gewehr eben dazu. Dass es nur ein dünner Ast ist und als Hut auf seinem Kopf ein flaches Baumstück herhalten muss, ändert nichts daran. Zusammen mit fünf anderen Kindern und den Erzieherinnen, Maren Oster und Anne Makowsky, macht sich der Dreieinhalbjährige gegen neun Uhr auf den Weg in den Wald. Der Ausflug gehört für die Kinder vom Wannseer „Waldkindergarten am Löwen“ dazu – egal ob bei Regen oder Minusgraden. „Solange es den Kindern Spaß macht, gehen wir raus“, sagt Maren Oster, während die Kinder auf einem holprigen Weg um sie herumwuseln.

Der Waldkindergarten von Heckeshorn wurde im vergangenen Sommer eröffnet. Er ist einer von zehn in Berlin. Bundesweit gibt es bereits über 300 Waldkindergärten – Tendenz stark steigend. Der Vormittag im Wald hat für die „Löwen“ feste Rituale. Zuerst gibt es den „Morgenkreis“, wo sich alle auf Äste am Boden setzen und etwas erzählen. Der vierjährige Nikolai beschreibt etwas, das wie ein Schulbasar klingt. Konstantin erklärt, wieso er Holz sammelt. „Wir wollen am Montag zu Hause grillen“, sagt der Pirat.
Sind die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht, geht es weiter über Stock und Stein, bis sie bei ihrem Spielplatz „Ritterburg“ – eine der drei Anlaufstellen im Waldgebiet – Quartier machen. Dort können die Kinder nach einem Frühstück beim Herumtoben so viel Krach machen wie sie wollen. Doch auch die anderen Vorteile liegen auf der Hand: Die tägliche Bewegung an der frischen Luft verbessert nicht nur die motorischen Fähigkeiten, sondern stimuliert auch die anderen Sinne der Kinder. Was sich laut wissenschaftlichen Untersuchungen wiederum positiv auf die Entwicklung des Gehirns, die Lese-, Rechtschreib- und Rechenfähigkeit der Kinder auswirkt.

Bei den Entdeckungstouren im Wald ist immer ein Bollerwagen mit einem Erste-Hilfe-Kasten dabei, Wasser zum Händewaschen, eine Regenplane, eine Decke, Schaufeln, Bälle und natürlich ein Handy. Für den Notfall. Völlig alleine ist die kleine Gruppe schließlich nicht. „Wir haben hier auch schon Wildschweine gesehen“, sagt Makowsky. Gleich heute früh huschte ein Fuchs in Sichtweite vorbei. Angst scheinen die Kinder nicht zu kennen, voller Neugierde erforschen sie den Wald und seine Bewohner. Die zweieinhalbjährige Marit kann heute ihren Blick kaum von einer Stelle mit grünem Moos abwenden, während die anderen Jungs lieber in der Erde graben. „Wir buddeln ein Loch und dann können wir ans andere Ende der Erde sehen“, sagt der fünfjährige Markus. Deshalb seien sie heute alle hier als Kranfahrer im Einsatz. Logisch. Später setzen sich dann drei der Kinder mit den Erzieherinnen auf eine Decke, um auf der Lichtung Lieder zu singen. Zwischendurch gibt es eine Teezeit und die Erzieherinnen erzählen etwas über das Leben des Spechts. Hier im Wald gehört es dazu, etwas über den respektvollen Umgang mit der Natur zu lernen. Offenbar mit Erfolg: Als sich die Truppe mittags wieder auf den Rückweg macht, ruft Nikolai seine Freunde herbei und zeigt auf den Boden: „Da sind Feuerkäfer und kleine Spinnen!“ Nur ein paar Meter weiter entdeckt Konstantin, der kleine Pirat, noch etwas: Ein Stück Papier am Boden. Konstantin hebt es auf. „Der Wald soll sauber bleiben.“

© Tagesspiegel vom 28.03.2008